Anthroposophie

Anthroposophie beruht auf einer langen Vorgeschichte der menschlichen Entwicklung. „Die Weisheit vom Menschen“ heißt sie. Es gibt einige Vorläufer und Vordenker dieser Geisteswissenschaft, der bedeutendste davon ist sicherlich Johann Wolfgang von Goethe. Auch wenn er den Begriff der Anthroposophie nie genutzt hat, baute er ihre Grundsätze auf. Rudolf Steiner hat auf diesem Weg eine gezielte Ausarbeitung und Veröffentlichung der Anthroposophie gebracht, sie regelrecht gegründet und selbst als lebendiges Beispiel dieser an der genauen Weltbeobachtung sich entfaltenden introspektiven Denkrichtung gedient.

Diese Forschungsart, Lebenshaltung und mehr, die sich auf die unvoreingenommene, phänomenologische Betrachtung der Dinge stützt, und hinter den Dingen geistiges Wirken, geistige Gesetzmäßigkeiten erkennt, hat jedoch nicht den Sinn einer Religion oder Glaubensgemeinschaft. Sie dreht sich auch nicht um eine alles verallgemeinernde moderne und modische „New-Age-Esoterik“. Anthroposophie will nicht nur die materiellen Dinge wissenschaftlich betrachten, sondern auch die seelisch-geistigen Prozesse und Grundsätze selbstbewusst und wissenschaftlich durchleuchten. Eine Kluft zwischen der bloßen materialistischen, die Geistautonomie leugnenden Wissenschaft und einer bodenlosen schwärmenden modernen Esoterik und Mystik will sie schließen. Sie ist eine ernste und unvoreingenommene Forschungsart an der Möglichkeit und Realität des Geistes, als der eigentlichen Qualität des Menschen, die ihn über das rein Materielle, Pflanzliche und Tierische erhebt und ihn zu einem Menschen macht, der die Natur als das Schauspiel dieses geistigen, bewusstseinsmäßigen Wirkens überschauen kann. Die Natur, die sich nicht in ihrer Materialität vom Geistigen absetzt, sondern sich vom rein Geistigen lediglich in ihrem verdichteten Zustand unterscheidet.

Der Anfang der Anthroposophie findet statt in der genauen Betrachtung der wesenhaften, lebendigen Welt und in dem Erkraften der seelisch-geistigen Qualitäten des Menschen, in der Beobachtung der mineralischen, pflanzlichen, tierischen und menschlichen Welt und in der Beobachtung und vor allem Stärkung des eigenen Denkens, Fühlens und Wollens. Die Weiterführung drängt in die Welt ein, die hinter der
physischen Welt steht und sich in dieser, wie in einem Schatten abdrückt oder wie in einem Eiszapfen kristallisiert. Ob das tatsächlich der Fall ist, muss jeder Mensch unvoreingenommen forschend ganz eigenständig prüfen.

Wie hat sich die seelisch-geistige Welt des Menschen, die sich in der materiellen Welt ausdrückt, mit den Jahrhunderten und Jahrtausenden verändert und wie muss man diese seelisch-geistige Welt in der Gegenwart und Zukunft greifen und gestalten, damit es zur Weisheit und nicht zur Dummheit kommt – das ist womöglich das entscheidende Thema der Anthroposophie.